Instant Articles- SPIEGEL, BILD und die blaue Facebook-Pille für Verlage

Foto: Facebook
Wenn "Social Media" immer mit Geräuschen verbunden wäre, dann wäre das heute ein sehr lauter Tag gewesen. Obwohl am Tag vor Himmelfahrt in der Brückenwoche doch sonst eher Ruhe und Langeweile auf allen Kanälen zu erwarten ist. SIE ! HABEN ! ES ! GETAN ! Diese Verlage ! Sie haben sich für die blaue Pille entschieden. Zumindest der SPIEGEL und Springers BILD-Zeitung werden in der Matrix aufgehen. Sie werden ihre qualitätsjournalistischen Werke als "Instant Articles" an Facebook liefern.

Nein, das wäre keine Kapitulation deutscher Verlage vor dem Silicon Valley, sagt SPIEGEL-Chefredakteur Florian Harms zu "turi2". Man wolle nur die 19 Millionen deutschen Facebook-Nutzer mit seinen erstklassigen Inhalten bestmöglich erreichen. Wer solche "Experimente" ungeprüft ablehne, verspiele damit eine Chance, sein Angebot weiterzuentwickeln. Das letztere ist mit Sicherheit richtig. Das davor- mmh, na ja. Die blaue Pille in "Matrix" wirkt sehr schnell.

"Instant Articles" gibt es ab heute bei Facebook und sie funktionieren vorerst nur (schönen Gruß an die guten Freunde aus Mountain View) in der iOS-App. Bestimmt aber bald auch unter Android. Und irgendwann sicher auch ganz normal beim Surfen mit Browser. Und irgendwann vielleicht sogar auf dem smarten TV, auch wenn mein guter alter LG gerade die Facebook-App terminiert hat. Die Verlage, die mitmachen, dürfen dann ihre kompletten Artikel zum Lesen auf Facebook veröffentlichen. Weil, so sagt Facebook, es immer so lange dauert, wenn man erst einen Link anklicken muss.

Fassen wir die gute Idee noch einmal zusammen: Die Verlage erstellen mit ihrem eigenen Geld teure Artikel, die die Welt bewegen und veröffentlichen diese dann kostenfrei auf Facebook. Ob Google dann an Facebook oder an die Verlage "Leistungsschutzrecht" bezahlen soll, wenn die Artikel dann in der Suchmaschine auftauchen, ist bisher nicht geklärt. Geklärt ist, dass die Verlage Werbung in ihren eigenen Artikeln verkaufen und das Geld dann behalten dürfen. Wenn Facebook die Werbung verkauft, bekommen sie 70%. Ist doch toll ! Oder ?

Nein. Sieht für mich eher danach aus, als ob im Zeitungsbereich die Krise ein Stadium erreicht hat, in dem Ertrinkende nach einem letzten Strohhalm greifen. Zwar hat man in letzter Zeit hier immer häufiger das Gefühl, dass blaue Pillen im Umlauf sind. Aber so blauäugig können Verlagsmanager einfach nicht sein, dass sie das Problem nicht erkennen, wenn sie quasi durch einen weiteren "elektronischen Verleger" von ihren Lesern getrennt werden. Das Ganze ergibt keinen Sinn- es sei denn, diese Verlage glauben, sie würden gar nicht von ihren Lesern getrennt. Weil die Leser längst ohnehin bei Facebook sind und die Verlage glauben, ihnen dorthin folgen zu müssen.

Ja, Springers BILDplus hat wohl mittlerweile, egal ob durch subventionierte Ipads oder teure Bilder von der Fußball-Bundesliga, deutlich mehr als 200.000 Abonnenten. Nur: Die Zahl der pro Tag verkauften BILD-Zeitungen auf Papier sank im Jahr 2014 laut IVW um 213.000 Stück. Das heißt: Der ganze Riesen-Aufwand für Online brachte bei der Gesamtzahl der täglichen Käufer eigentlich nichts.

Der SPIEGEL-Verlag erwartet für 2014 einen Umsatz-Rückgang von 8%. Ob Florian Harms darüber nachgedacht hat, was passiert, wenn sein "Experiment" ein Erfolg wird? Denn dann würde SPIEGEL online plötzlich seine Leser und Werbeeinnahmen zu großen Teilen bei Facebook finden. Controller würden fragen, wofür die sehr teure eigene Portal-Infrastruktur noch teurer weiterentwickelt werden soll oder gar, ob man das überhaupt noch braucht. So wie die klickstärksten Autoren sich fragen werden, ob sie ihre Artikel nicht besser gleich direkt selbst beim neuen Verleger Facebook platzieren.

Die "New York Times" ist übrigens auch dabei. Die "Washington Post" von Amazon-Chef Jeff Bezos dagegen nicht. Was das alles mit Netz-TV zu tun hat? Ganz einfach: Wie schon öfter hier beschrieben, ist das im Internet gar kein Unterschied. Egal ob Text oder Film- im Internet treten beide auf den gleichen Screens im Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit direkt gegeneinander an. Und da kommen wir zum Thema blaue Pillen, Illusionen und Verdrängung von Realitäten zurück.

Denn Video ist seit geraumer Zeit das wichtigste Entwicklungsfeld bei Facebook. Und da sind sich die Branchenkenner einig: "Instant Videos" für Fernsehsender, Videoproduzenten wie Vice oder auch YouTube-Stars sind nur der nächste logische Schritt.

In diesem Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit werden nur außergewöhnliche Artikel von Verlagen mit wirklich großer und aktiver Facebook-Gefolgschaft erfolgreich sein. Die Verlage werden insgesamt viel mehr verlieren, als sie gewinnen können.

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